Die Zeit des Nationalsozialismus I

Wenn man heute auf die Homepage der Wiener Philharmoniker schaut, so findet man gut aufbereitetes Material - von einer unabhängigen Historikerkommission - über die nationalsozialistische Vergangenheit des Orchesters.

Die Öffnung des Archivs erfolgte allerdings nicht ohne Anfangsschwierigkeiten – erst 2007 erklärte man sich bereit, Einsicht in das umfangreiche Quellenmaterial zu gewähren. Außerdem ist es bemerkenswert, dass erst mit Arbeitsaufnahme des damaligen Archivleiters, mehrere Aktenkonvolute aus der Zeit des Nationalsozialismus gefunden wurden und dies eigentlich erst durch Zufall. Als man auf der Suche nach Ballprogrammen war, fand man im Depotraum der Staatsoper diese Aufzeichnungen, wobei man sich bis heute nicht erklären kann, wie sie dorthin kamen beziehungsweise, wer sie dorthin brachte. Im Jahr 2015 wurde ein Historiker „von außen“ - Herr Dr. Pestel - und Frau Dr. Kargl mit der Archivrevision beauftragt.

Noch während der Verbotszeit der NSDAP – also vor 1938 – waren bereits 20% der Philharmoniker Mitglieder der Partei. 1942 waren von den insgesamt 123 Ensemblemitgliedern 60 (!) Mitglieder in der NSDAP bzw. Parteianwärter, zwei sogar SS Mitglieder.
Aus dem Verein der Wiener Philharmoniker wurden fünf Mitglieder nach der Deportation ermordet, zwei sind bereits in Wien „ums Leben gekommen“, neun konnten sich ins Exil retten und einer wurde denunziert und vom Dienst suspendiert.

Die Entnazifizierung des Orchesters nach 1945 war mehr kosmetischer Natur. Lediglich vier der Partei angehörigen Musiker wurden sofort gekündigt und sechs pensioniert. Allerdings sind zwei davon später wieder in das Staatsopernorchester und den Verein der Wiener Philharmoniker aufgenommen worden!
Diese kollektive Rehabilitierung überdeckte nicht nur jegliche „Nazivergangenheit“ sondern förderte eine gewisse emotionale Schuldabwehr. Ins Exil geflohene Philharmoniker, die auf finanzielle Untersützung hofften, wurden als „Erpresser“ diffamiert und von ihrer Rolle als überlebende Opfer des Holocaust auf die des Bittstellers verwiesen.

Wussten Sie schon…
Österreich war nach dem 2. Weltkrieg sehr darum bemüht, sich selbst als erstes Opfer, eines als ausschließlich deutsch bezeichneten Nationalsozialismus zu positionieren. Die Wiener Philharmoniker wurden bewusst eingesetzt, um Sympathien für ein vorgeblich kunstsinniges und friedliebendes Land einzuwerben.