Dirigenten im Fokus – Arturo Toscanini

Der Maestro war durch seine legendären Wutanfälle über die Grenzen der Klassikgemeinde hinaus bekannt. Besessen von seiner Arbeit und perfektionistisch bis ins kleinste Detail, verlangte er von sich selbst und vor allem von seinen Musikern äußerste Hingabe zur Kunst.
Toscanini trat für eine absolut strikte Befolgung des Urtextes ein, er versuchte als Dirigent der Originalkomposition des Künstlers so nah wie möglich zu kommen ohne dabei subjektiv zu werden. In seinen eigenen Worten: „Der Dirigent soll nicht schöpferisch tätig sein, sondern ausführen.“ Um dies zu erreichen, führte er einige technische Neuerungen ein. Er stimmte z.B. die Intonation innerhalb der verschiedenen Instrumentengruppen aufeinander ab, unterschied ganz genau zwischen Piano und Pianissimo oder einfachem und doppeltem Forte. Er war absolut kompromisslos und verlangte von seinen Musikern eine regelrecht sklavische Befolgung seiner Vorgaben, sowie ein exaktes Festhalten am vorgegebenen Rhythmus. Das führte zu einem völlig neuen Klangbild und Toscanini zum Maßstab vieler Orchesterleiter werden lies.
Allerdings war es mit der Demut des Maestro vor dem Werk doch nicht so ganz weit her. Als die New York Public Library Toscaninis Partituren erstand, hat man dort sehr wohl handschriftliche „Verbesserungen“ der Instrumentation gefunden, nur hat er diese tunlichst geheim gehalten. Auch seine ablehnende Haltung gegenüber dem Faschismus trat erst 1931 hervor, als er in Bologna von ein paar Schwarzhemden tätlich angegriffen wurde, nachdem er sich weigerte, die „Giovinezza“ zu dirigieren. Und auch wenn er Hitlers Einladung erneut in Bayreuth zu spielen, aufgrund dessen Rassenpolitik, ablehnte, hatte er kein Problem damit, im austrofaschistischen Ständestaat eines Engelbert Dollfuß zu dirigieren. Um diese Ungereimtheiten zu glätten wurde – ganz modern – eine Werbeagentur beauftragt, Toscanini zu einem musikalischen Gott zu stilisieren. Und definitiv hat sein standhafter Patriotismus für sein Heimatland Italien während des 1. Weltkrieges, seine vehemente Ablehnung des Nationalismus, seine offen zur Schau gestellte Demut, sowie seine künstlerische Kompromisslosigkeit das Bild dieser Heilsfigur genährt.
Toscanini dirigiert
Aber Toscanini war ein Heiliger mit leicht entflammbarem Temperament, der in seinen Wutanfällen Partituren zerriss oder Taktstöcke zerbrach. Er akzeptierte nicht, wenn ein Sänger das Stück nicht genauso wiedergab wie mit ihm einstudiert: Enrico Caruso, den Toscanini eigentlich entdeckt hatte, drohte damit, nie mehr in der Met aufzutreten, wenn der Maestro dort der musikalische Leiter würde. Sein Repertoire war recht konservativ, ohne repräsentative Auswahl, er ignorierte wichtige Komponisten wie Haydn oder Mozart fast gänzlich und setzte auf Werke weniger bekannter Musiker. Obwohl er gerne betonte, dass „lärmende Beifallskundgebungen [ihm] ein heftiges Schmerzgefühl einjagten" war es wohl doch schwer für ihn, nicht der alleinige Star am Podium zu sein. Der einzige Virtuose, den er regelmäßig begleitete, war sein Schwiegersohn Vladimir Horowitz, aber das allein aus Gründen des familiären Hausfriedens. In Wilhelm Furtwängler sah er einen erbitterten Feind und ließ keine Gelegenheit aus, seinen Unmut über den Kontrahenten offen kundzutun.

Trotzdem wurde Toscanini geliebt und vergöttert, ganz besonders in Amerika: der Sohn eines einfachen Schusters, der angeregt durch seine Grundschullehrerin mit dem musizieren begann und bereits mit 19 Jahren ohne Vorbereitung die „Aida“ auswendig dirigierte, steht für den "american way of life".